Dinge, die der hypothetische Idealdeutsche ideal findet

Ein Leser war letztens sehr böse mit mir: Wer den Massengeschmack schlecht mache, sei auch nicht geschmackvoller als die Masse. Das schrieb er. Und: Bestimmt sei ich doch ein sehr unglücklicher Individualist. Nachdenklich setzte ich mich in meinem H&M-Kleid auf meine Ikea- Couch und trank ein deutsches Qualitätsbier. Verachtete ich den Massengeschmack wirklich? Und was ist das überhaupt? Ich beschloss einen ganzen Tag lang nur Dinge zu konsumieren, die der hypothetische Idealdeutsche ideal findet. In einem großen Onlinekaufhaus ließ ich mir die Bestseller jeder Verkaufskategorie anzeigen. Die am meisten verkauften Bücher in Deutschland sind derzeit das "Bürgerliche Gesetzbuch", die "Arbeitsgesetze" und

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Das Spielfilmdebüt des Hamburger Musikers finn, "Anhedonia - Narzissmus als Narkose",  zeigt Blixa Bargeld als Erzähler und Dirk von Lotzow als Arzt Da sind zwei Brüder. Milliardenerben, heißt es, Kinder eines Chansonniers und einer Narzissmus-Lobbyistin. Sie heißen Franz und Fritz Freudenthal (Robert Stadlober und Wieland Schönfelder). Sie siezen sich. Sie sind kleine Schöngeister, die unablässig große Schöngeister zitieren. Sie schreiten mit Strohhut und Lupe umher. "Wie unsagbar hässlich alles ist", sagt Franz endlich. Und: "Dieser Ort macht mich total malade." Dabei ist er an diesem Ort, weil er bereits malade ist. Die "digitale, mediale, narzisstisch, hedonistisch, karrieristisch, selbstausbeuterisch, masochistische, egomanische, konsumorientierte Reizüberflutung des

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Es ist wahr. Es gibt keine Szenen mehr. Auch nicht in diesem Berlin. Die Subkultur ist tot. Musik findet man nicht mehr mit anderen, den ewig Gleichgesinnten, die eigentlich sowieso immer nur Gleichfrisierte waren, in besetzten Häusern oder Fabrikhallen und U-Bahn-Schächten. Musik findet man jetzt da, wo man auch nach Dates und Pizza sucht – im Internet. Alleine liegt man im Bett, ist sehr nackt und noch mehr verletzlich. Denn "es ist so schwer, aufzustehen, wenn man einfach nicht mehr weiß wofür" ("Schlachtensee"). Man ist gelangweilt von seinem eigentlich allzu problemlosen Dasein, mit all diesen Menschen und Gesichtern, man nimmt ein

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  Es besteht kein Zweifel. Der DJ ist gekommen das Publikum zu verärgern. Er wirft leere Partybeats wie Cola-Dosen. Er zielt nicht auf Beine, er will die Köpfe. Wumm, wumm, wumm, blechernes Scheppern. Na? Nervt es euch schon? Noch nicht? Er zieht die Regler runter: Are you ready for the queen?, brüllt er durch die rote Hitze, aber die Wut ist noch nicht hot genug, anstatt der Queen kommt also immer wieder nur der Regler. Wumm, wumm, wumm und kein Entkommen. Denn draußen, da ist Aerobic. "Get Into The Groove". Gesandte von Madonnas Fitnessstudiokette tanzen in Hot-Pants und Sport-BHs einen schweißfreien Kampf

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Peaches Konzertkritik, Huxleys Berlin Ein Peaches-Konzert, das ist ein pink neon-röhrender Gottesdienst für popkulturell vernachlässigte Geschlechtsorgane. Das klingt jetzt natürlich erstmal sehr dröge. Ist aber wunderbar. Allen Anfang macht der Bass. Der kracht so wunderschön besoffen von der Bühne in das Publikum, dass es unmöglich ist nicht von ihm angerempelt zu werden, dass es unmöglich ist, nicht irgendwann angeschwipst zu sein. Erst in der Hüfte, und irgendwann dann auch in den Kniegelenken. Man bounct da nur noch so rum, zu diesen ganz und gar comicartigen Beatgeräuschen - Bumms, Bumms, Rumms, Quietsch - während Peaches, in einer Art Superheldenkostüm von einem Podest

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Ich bin eine Frau, ich habe keine Freundinnen. Wirklich nicht eine, also zumindest keine die Single ist. Oder wenn, eine oder zwei von diesen Freundinnen, die ich nicht habe, Single sind, dann, ach und das enerviert halt echt, dann stört die ihr Single-Sein nicht. Gar nicht. Die sind eben sehr typische Frauen, sehr selbstzufrieden und sehr, sehr gern allein. Sie telefonieren auch nicht, nur höchst ungern, und wenn, dann haben sie auch nur sehr banale und eben deswegen völlig uninteressante Gesprächsthemen, irgendwas mit Balkankrieg, Biathlon oder eben Börse, immer nur Börse. Ich fand das ja schon immer sehr öde, war sehr unglücklich

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Wien  Da steht also dieser Wagen vor der Wiener Oper, und er steht da wie eine Nackte. Glänzt vulgär orange, als sei er aus Plastik, kein Funken Sentimentalität, die Nackte, sie ist eine Maschine. Der vorbeigehende Passant ist deswegen völlig ungeniert, seine Augen fahren wie auf Schienen immer wieder an ihm entlang. Da ist dieses Wangenrunde Gesicht mit den Sichelaugen. Es lacht leicht gierig. Der Boden hängt tief, gefährlich, verletzlich. Der Passant weiß, der Anblick ist selten, er will zugreifen, am Besten beide Hände auf das Auto legen, vielleicht auch noch den Mund, und dann im kindlichsten Trieb alles bespeicheln. Aber

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Kylie covert Nena. Das tut sie wirklich. 99 Luftballons, die kriegt das Melt zum Geburtstag, denn das ist jetzt 18. Und Minogue, das kleine Showpony trabt durch die Main-Stage-Manege, mit prächtigem Kopfschmuck, während wir nur sitzen und Pommes essen, mit Ketchup so rot wie Kylies Glitzerbody, unsere Füße in einer Regenpfütze, so blau, wie die Red-Bull-Werbung dahinter. Und es tropft, und Betrunkene singen, und die Action-Kameras an ihren Stirnen halten fest, woran sie sich niemals erinnern werden. Melt, denken wir, oh, Melt, und sind ein bisschen nervös: Gerade erst volljährig und schon ein Volksfest? Aber wir lächeln tapfer und erzählen uns

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